Zwischen Spriessen und Fliessen
Auf den ersten Blick scheinen die Schmuckarbeiten von Sam Tho Duong und Małgosia Kalińska aus unterschiedlichen Welten zu stammen. Sam Tho Duongs dichte Perlen-Kompositionen bilden komplexe, beinahe atmende und lebendige Oberflächen – zugleich fragil und wehrhaft. Malgosia Kalińskas Polyurethan-Arbeiten hingegen wirken sanft, glatt, leicht und harmonisch, dabei in sich ruhend, als wären sie eher von Luft als von Hand geformt.
Und doch treffen sich beide Positionen in einer gemeinsamen Sensibilität: Sowohl Sam Tho Duong wie auch Małgosia Kalińska gestatten ihren Formen, sich zu entwickeln, zu reagieren und eine eigene Logik zu entwickeln. Beide Positionen spielen mit der Ambivalenz von Schutz und Verletzlichkeit, von organischem Wachstum und kontrollierter Spontanität. In beiden Arbeiten wird das Material nicht nur geformt, sondern handelt selbst, fordert heraus und darf mitunter die Führung übernehmen.
Bei Sam Tho Duong spriessen auf organisch geformten Silberkörpern kecke Süsswasser-Reiskornperlen zu pulsierenden Organismen. Seine Arbeiten erinnern an Korallenstrukturen, Seeigel, gefrorene Tautropfen und an Naturphänomene, die wir irgendwie kennen, aber doch noch nie so gesehen haben. Seine Stücke entwickeln sich durch Verdichtung, gedeihen im Abschweifen, blühen in der Wiederholung und zeugen von liebevoller Beharrlichkeit. Ihre Oberflächen bewegen sich zwischen Ornament und Schutz, zwischen Lockung und Distanz.
Bei Małgosia Kalińska entstehen aus Polyurethan bzw. Polyresin frei geformte, leichte, biomorphe Körper – gegossen, gedehnt und sich selbst überlassen. In ihren Arbeiten provoziert sie das Unvorhersehbare durch bewusst begrenzte Kontrolle im Entstehungsprozess. Ihre sanften Formen evozieren Haut, Membranen und körperhafte Volumen. Sie entführen in fluide Aussen- und Innenräume voller Harmonie, Balance und Gelassenheit. Dabei entziehen sie sich klaren Konturen, als hätten sie keine Grenzen – fragil in der Erscheinung, überraschen sie mit unbändiger Stärke.
Die Ausstellung Zwischen Spriessen und Fliessen bringt diese beiden Sprachen in einen faszinierenden Dialog. Sie ist ein Austausch zwischen Verletzlichkeit und Widerstand, Zufall und Kontrolle…
Nur mit den Augen allein lassen sich die Arbeiten von Sam Tho Duong und Małgosia Kalińska nicht verstehen. Du musst sie fühlen und ertasten und ihr Gewicht spüren, um sie ganz zu erfassen. Auch, um zu begreifen, dass selbst die fragilsten Strukturen schützen können und auch Weichheit eine Form von Stärke ist.
Bruna Hauert, April 2026